Aus Gemeindeblatt der ev. Pfarrei Albig-Bermersheim-Heimersheim
Nr. 6 Juni/Brachmond 1930 4.Jahrgang
Die verstorbenen Eheleute Wilhelm Mertens 2., und Elisabeth geb. Koch, haben durch ihr Testament folgendes bestimmt:
"Wir bestimmen unsere Hofraite zu Albig mit allem An- und Zubehör, ganzem Umfang und Bezirk, dazu die Kelter und der Kassenschrank, unsere Grundstücke in der Sandkaute in der Gemarkung Albig, nichts ausgenommen, sollen einer milden Stiftung zufallen, welche den Namen "Wilhelm-Elise Mertens Stiftung" führen soll und durch dieses Testament errichtet wird.
Die Stiftung hat den Zweck kranken und der Pflegebedürftigen Einwohnern der Gemeinde Albig geeignete Pflege zu gewähren. Die Pflege soll durch eine oder Mehrere Krankenschwestern evangelischen Bekenntnisses erfolgen. Die Stiftung soll verwaltet werden von dem jeweiligen evangelischen Geistlichen der Gemeinde Albig. Das gestiftete Wohnhaus nebst Garten soll auch der Schwester oder den Schwestern zur Wohnung dienen. Die Aufnahme der Kranken erfolgt ohne Rücksicht auf das religiöse Bekenntnis.
Nach diesen Testamentsbestimmungen gehört die
Stiftung weder der Kirchengemeinde noch der politischen Gemeinde,
sondern ist vollkommen selbstständig. Darum kann auch nicht, wie
verschiedentlich gesagt wurde, die Stiftung angenommen oder abgelehnt
werden. Die Stiftung besteht einfach durch Errichtung des Testaments.
und im Namen dieses Testaments hat der jeweilige evangelische Pfarrer
die Stiftung zu verwalten.
Was ist der Sinn dieser
Testamentsbestimmungen? Oder was wollte der Erblasser mit diesen
Bestimmungen? Da muß man sich vor allem vergegenwärtigen, dass das
Testament bereits im Jahre 1908 errichtet wurde, zu einer Zeit, da es in
Albig noch keine Möglichkeit gab, kranken oder pflegebedürftigen
Personen eine geeignete Pflege zu teil werden zu lassen. Mithin wollte
der Erblasser dazu die Möglichkeit durch die Stiftung schaffen.
Geeignete Pflege kann aber gewährt werden, einmal durch so genannte
Hauspflege, d.h. durch Krankenschwestern, die in die Wohnung der Kranken
kommen (so wie es augenblicklich bei uns der Fall ist). Oder aber durch
die Aufnahme in eine geeignete Anstalt. Beide Arten sollen durch die
Stiftung ermöglicht werden. Einmal soll die Möglichkeit gegeben werden,
der Krankenschwester die Hausbesuche ausübt, Wohnung zu schaffen, das
andere Mal soll die Möglichkeit gegeben werden, dass alleinstehende,
pflegebedürftige Personen in der Stiftung Aufnahme und Pflege finden.
Wie das nun im einzelnen ausgeführt wird, das wird die Zukunft lehren.
Jedenfalls ist die Tatsache der Stiftung ein hohes Zeichen von
Gemeinsinn und Nächstenliebe, die nicht hoch genug gerühmt werden kann.
und darum sind wir alle, d.h. die ganze Gemeinde den edlen Stiftern großen Dank schuldig.
Wenn auch manche jetzt noch nicht den Wert der Stiftung einsehen und
meinen, man hätte mit diesem Gebiet etwas anderes anfangen sollen, - es
wird einmal die Zeit kommen, wo auch diese Kritiker den Wert einer
solchen Stiftung einsehen. Es ist ein übler Zug im Wesen des Deutschen,
dass es meint, an allem und jedem Kritisieren zu müssen und zu dürfen.
Aber angesichts einer so edlen Tat sollte eigentlich jede Kritik
schweigen. Erst wenn man gleiches tut, oder gar noch besseres, hat man
Recht zu Kritik. Es ist aber auch völlig abwegig, nun seine Kritik an
dem "jeweiligen" evangelischen Geistlichen auszutoben und diesen
gewissermaßen für das Testament verantwortlich zu machen, der genauso
davon überrascht wurde, wie jedes andere Gemeindemitglied auch. Man
sollte vielmehr als evangelischer Christ ihn in jeder Weise
unterstützen, das schwere und verantwortungsvolle Amt eines Verwalters
der Stiftung auszuüben. Für ihn gibt es dabei jedenfalls nur eine
Richtschnur: der letzte Wille des Erblassers und sein an Gott gebundenes
Gewissen.
Die Möglichkeit die Stiftung lebensfähig zu machen, ist in erster Linie eine Geldfrage. Und darum muß die Stiftung sehen, dass sie Einnahmen hat. Die Möglichkeit hierzu besteht. Man kann alle ungenutzten für die Stiftung nicht notwendigen Räumlichkeiten anderweits verwenden. So z.B. Scheune, Keller, Teil des Gartens, die Grundstücke, die Stallungen und das Kelterhaus. Soviel und bekannt ist, sucht die Feuerwehr nach einem geeigneten Geräteschuppen. Ein solcher könnte leicht aus den vorhandenen Stallungen geschaffen werden; damit wäre die Stiftung weiterhin in den Dienst an der Allgemeinheit gestellt. Auch unsere Mangelhaften Kinderschulverhältnisse können eine Besserung erfahren, - Wiederum ein Dienst an der Allgemeinheit. Deshalb haben sich Kirchenvorstand und Kirchen-Gemeindevertretung mit dieser Frage befasst und beschlossen einen Bau eines Kleinkinderschulsaales näher zu treten. Nach den vorgelegten Plänen des Hochbauamtes in Alzey, kann man aus dem Kelterhaus einen für unsere Verhältnisse in jeder Hinsicht brauchbaren und schönen Kinderschulsaal herrichten, der die Kirchengemeinde nicht so belastet, als ein notwendiger Neubau, der über kurz oder lang doch kommen würde. Nach reiflicher Beratung haben deshalb Kirchenvorstand und Kirchengemeindevertretung beschlossen diesen Plan zur Ausführung zu bringen. Selbstverständlich kann die Kirchengemeinde nicht einfach das Kelterhaus umbauen, sondern sie muß zuvor diesen Raum erst von der Stiftung mieten, die dadurch aber wiederum eine Einnahmequelle bekommt. Das Landeskirchenamt hat diesen Beschlüssen des Kirchenvorstandes seine Einwilligung erteilt, so dass in absehbarer Zeit, mit der Umgestaltung begonnen werden kann.
Wenn man all diese Möglichkeiten erwägt, die durch die Stiftung der heimgegangen Eheleute ermöglicht werden, wenn man bedenkt, was diese Möglichkeiten für das Leben einer Gemeinde bedeuten, welche Vorteile sie dadurch von anderen Gemeinden voraus hat, dann muß man in dankbarer Erinnerung derer gedenken, deren Sinn und Herz Gott der Herr so lenkte, dass sie solches unternahmen.
Das Grab der Familie Mertens befindet sich bis heute auf dem alten Teil des Albiger Friedhofes und wird von Kirchenmitarbeitern und auch den „Volontären für Albig“ in Ordnung gehalten.